Kipp Popert: Ein ganz besonderer Golfer bei den Austrian Alpine Open

Kipp Popert tritt bei den Austrian Alpine Open in Kitzbühel nicht als Symbolfigur an, sondern als Leistungssportler. Der erfolgreiche Spieler der G4D Tour will zeigen, dass sein Spiel auf höchstem Niveau konkurrenzfähig ist – unabhängig von seiner Behinderung.

Dass Golf ein großartiger Sport für Menschen mit Behinderung ist, wissen viele. Dass es dafür mit der G4D Tour sogar ein eigenes internationales Turnier-Format gibt, weiß kaum jemand. Der Dominator dieser G4D Tour für Menschen mit Behinderung heißt Kipp Popert. Er ist so gut, dass er sich auch schon für prestigeträchtige Turniere für Menschen ohne Einschränkung qualifiziert hat. 

Kipp Popert wird bei den heurigen Austrian Alpine Open in Kitzbühel mit einer Wildcard der Schön Kliniken teilnehmen. Wir haben ihn im April am Golfplatz Kitzbühel-Schwarzsee-Reith begleitet. Dabei haben wir gelernt: Er kommt nicht als Symbolfigur, sondern als Golfer.  Weil wir den 27-jährigen Engländer auf einer Trainingsrunde erlebt haben, verstehen wir: Hier steht nicht jemand am Abschlag, dem man wohlwollend Aufmerksamkeit schenken sollte. Hier steht ein Spieler, der Golf auf einem Niveau spielt, das Respekt einfordert.

Popert ist sympathisch, offen, höflich, reflektiert. Einer, der viel lacht, der geduldig erklärt, der nie den Eindruck vermittelt, dass seine Geschichte größer sein soll als sein Spiel. Doch nach 18 gemeinsamen Trainingslöchern bleibt vor allem ein sportlicher Eindruck hängen: Kipp Popert kann unfassbar gut Golf spielen.

Kein einziger Abschlag auf dieser Runde misslingt ihm. Kein Ball, der aus der Hand rutscht. Kein Drive, bei dem man denkt: Da hat ihn seine Behinderung eingeholt. Popert und sein Trainer Steven probieren viel aus, diskutieren Linien, testen Varianten, spielen bewusst aus schwierigen Lagen weiter. Aber nie aus Reparaturbedarf. Nie, weil ein Schlag wirklich schlecht war. Immer nur als Simulation. Als Vorbereitung auf Situationen, die in einem DP-World-Tour-Event entstehen können.

Kipp Popert will kein Mitleid. Kipp Popert will diese Bühne nutzen.

Eine Wildcard mit Signalwirkung

Dass Popert bei den Austrian Alpine Open presented by Kitzbühel-Tirol eine Wildcard erhält, ist deshalb weit mehr als eine schöne Geste. Es ist eine weitsichtige und sportlich hochinteressante Entscheidung. Die Schön Kliniken setzen damit ein Zeichen, das in seiner Bedeutung über dieses Turnier hinausgeht.

Denn Popert bringt nach Kitzbühel eine bewegende Lebensgeschichte mit. Dazu aber auch Leistung und enorm viel Ehrgeiz. Und er bringt die reale Möglichkeit mit, auf einem regulären DP-World-Tour-Event eine Geschichte zu schreiben, über die die Golfwelt sprechen wird.

Ja, ihm fehlt im Vergleich zu den absoluten Superstars Länge. Sein Drive landet bei rund 240 Metern. Das ist gut, aber auf diesem Niveau eben nicht überragend. Die längsten Spieler im Feld werden an vielen Löchern andere Schläger in die Grüns haben, andere Winkel, andere Optionen. Doch Golf war nie nur eine Frage von Länge. Doch Golf entscheidet sich nicht nur am Tee. Popert kann Fairways treffen, Lagen lesen, Schläge kontrollieren und unter Druck ruhig bleiben. Genau dort wirkt Popert nicht wie ein Gast in einer fremden Welt. Im Gegenteil: Er weiß genau, was er tut.

Nach dieser Runde in Kitzbühel bleibt deshalb eine Überzeugung: Kipp Popert könnte eine der großen Überraschungen dieses Turniers werden.

Das ist keine romantische Hoffnung. Sein Golf ist gut genug, um genau das möglich zu machen.

Schuhe wie ein Superhelden-Anzug

Wer Popert nur beim Schlag zusieht, erkennt seine Einschränkungen nicht sofort. Der Schwung ist kontrolliert, der Treffmoment sauber, die Flugkurven stabil. Erst beim Ausschwingen erkennt man, dass seine schwachen Beine den Schwung nicht halten können. Sieht man ihn beim Gehen, wird klar, welcher Aufwand hinter diesem scheinbar selbstverständlichen Golfschwung steckt.

Popert hat Zerebralparese, genauer: spastische Diplegie. Seine Muskeln sind extrem angespannt. Ohne Schuhe und Einlagen kann er kaum aufrecht stehen. Was für andere Golfer Ausrüstung ist, ist für ihn Grundlage.

„Meine Schuhe sind wie ein Superhelden-Umhang für mich“, erklärt er.

Es ist einer dieser Sätze, die hängen bleiben, weil er ihn ganz nüchtern sagt. Seine Schuhe geben ihm Stabilität und machen Bewegung möglich. Sie erlauben ihm, das zu tun, was für ihn Leben bedeutet: Golf spielen.

Aber sie ändern nichts daran, dass sein Körper anders belastet wird. Kitzbühel ist kein flacher Spaziergang. Der Platz hat Höhenunterschiede, lange Wege, anspruchsvolle Übergänge. 18 Löcher zu Fuß wären für ihn gesundheitlich ein Problem. 

„Der Buggy ist kein Vorteil, sondern eine Notwendigkeit für meine Gesundheit“, sagt Popert.

In einem Sport, der Fairness, Regeln und Tradition so hochhält, will Popert festhalten, dass es keine Sonderbehandlung für ihn gibt, die ihm Schläge spart. Er braucht eine Anpassung, damit er überhaupt auf jenem Niveau antreten kann, auf dem sein Golf längst angekommen ist.

Der Junge, der lieber auf dem Golfplatz Schmerzen hatte

Popert spielt Golf, seit er vier Jahre alt ist. Er wollte nie der beste behinderte Golfer sein. Er wollte der beste Golfer sein, der er sein kann. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Seine Eltern sind Ärzte. Sie vermittelten ihm früh, dass harte Arbeit und Leidenschaft viel bewirken können. Und Popert hat diese Botschaft radikal ernst genommen. Seine Geschichte erzählt kein plötzliches Wunder, sondern vielmehr jahrelange Wiederholung. Von Schmerzen. Von Operationen. Von Training, während andere längst aufgegeben hätten.

Zwölf Operationen hat er hinter sich. Darunter massive Fußrekonstruktionen mit 16 und 19 Jahren. Um besser gehen zu können, um weniger Schmerzen zu haben, aber auch, um besser Golf spielen zu können.

Als Jugendlicher setzte ihn sein Vater morgens um sechs Uhr am Golfclub ab, bevor er weiter nach London ins Krankenhaus fuhr. Popert trainierte den ganzen Tag. Abends wurde er wieder abgeholt. Die Füße schmerzten. Immer. Also entschied er, dass sie lieber auf dem Golfplatz schmerzen sollten.

Beim Mittagessen stellte ihm das Barpersonal einen Kübel Eis hin, damit er seine Füße kühlen konnte. Am Nachmittag ging er wieder hinaus.

Eventuell erklärt das, warum er heute so ruhig wirkt. Wer als Kind und Jugendlicher lernt, dass Schmerz nicht automatisch das Ende bedeutet, entwickelt ein anderes Verhältnis zu Druck.

Major-Sieger im Behindertengolf

Im Behindertengolf hat Popert längst Maßstäbe gesetzt. Vier Major-Titel. Drei US Adaptive Open in Folge. Rekorde. Dominanz. Ergebnisse, die zeigen, dass es hier nicht um eine nette Nebenbühne geht, sondern um Spitzensport.

2024 spielte er bei einer Meisterschaft 14 unter Par über drei Runden. Ein Jahr später kam er nach einer großen Fußoperation zurück, war 48 Stunden vor dem Turnier noch auf Krücken und eröffnete mit elf unter Par – trotz eines Bogeys. Danach folgten Runden von sechs unter und sieben unter. 24 unter Par für drei Runden. Er gewann.

Popert hat nach eigener Einschätzung 60 bis 70 Prozent jener Turniere gewonnen, an denen er im Behindertengolf teilgenommen hat. Er war der erste Spieler mit Behinderung, der sich drei Jahre in Folge für die British Amateur qualifizierte. Drei Mal über Playoffs. Acht-Mann-Playoffs, Vier-Mann-Playoffs, Drucksituationen, die andere zermürben.

„Ich liebe diese Drucksituationen.“ sagt er.

Man hat den ehrlichen Eindruck dass er diesen Druck braucht, um Höchstleistung zu zeigen.

Kitzbühel als Türöffner

Die Austrian Alpine Open könnten für Popert zu einem Wendepunkt werden. Eventuell sogar für den ganzen Golfsport für Menschen mit Behinderung.

Er selbst formuliert sein Ziel klar: Er will Aufmerksamkeit für die Community von Menschen mit Behinderung. Aber er weiß auch: Aufmerksamkeit kommt im Leistungssport nicht durch gute Absichten – sondern durch Ergebnisse.

„Gutes Golf kümmert sich um alles“, sagt er.

Popert will nicht jedem erklären, wie gut er ist. Er will es zeigen: auf der großen Bühne.

Die Wildcard ist deshalb so wertvoll. Sie gibt nicht nur einem Spieler eine Chance. Sie zwingt den Sport, genauer hinzuschauen. Auf einen Mann, der mit 240 Metern vom Tee kürzer sein wird als die meisten Konkurrenten, aber mit Präzision, Kontrolle und mentaler Stärke viel ausgleichen kann.

Als er über Christopher Schön spricht, kommen die Tränen

Der emotionalste Moment des Gesprächs ist nicht, als Popert über Schmerzen, Operationen oder Krücken spricht, sondern über Christopher Schön, seinen ersten großen Sponsor.

„Christopher Schön sah mich immer als ernsthaften Sportler mit ernsthaften Zielen.“ 
Als Popert das sagt, wird seine Stimme brüchig. Die Tränen kommen.

Die Schön Kliniken haben ihm die Unterstützung gegeben, sein Golf wirklich voranzutreiben: Finanzierung, Freundschaft, Rückhalt, Glauben.

Diese Wildcard ist keine aus der Kategorie Symbolpolitik. Diese Wildcard unterstützt nicht nur Kipp, sondern sie unterstützt eine Idee: dass Golf für Menschen mit Behinderung nicht bloß Inklusion am Rand sein muss.

Mehr als Paralympics alle vier Jahre

Popert spricht auf unserer Runde viel über Strukturen. Wenn man ihm zuhört, versteht man, warum es ihn so beschäftigt.

Behindertengolf hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Die G4D Tour hat Sichtbarkeit geschaffen. Die US Adaptive Open haben Strahlkraft entwickelt. Die besten Spieler bekommen mehr Bühnen als früher. Aber aus Poperts Sicht fehlt der entscheidende nächste Schritt: ein professioneller Weg.

Er macht einen Vergleich: Wenn Frauengolf daran gemessen worden wäre, ob die besten Spielerinnen gegen die längsten und stärksten Männer auf voller Platzlänge bestehen können, wären viele Karrieren nie entstanden. Das Talent wäre zwar da, aber ohne die Struktur kann man es nicht zeigen.

Genau dort sieht Popert den Behindertengolf heute.

Es gibt Rollstuhlgolfer, die unter Par spielen. Blinde Golfer, die Ergebnisse liefern, die man kaum begreifen kann. Spieler mit neurologischen Einschränkungen, Amputationen oder anderen Behinderungen, die auf höchstem Niveau konkurrieren. Aber ihnen fehlt eine Tour, die sie als Profis behandelt.

Popert will keine Almosen. Er fordert eine professionelle Struktur für professionelle Leistung.

Und er geht selbst voran. Für sein eigenes Turnier, das Kipp Popert World Invitational, hat er 145.000 Pfund gesammelt. Jeder teilnehmende behinderte Spieler erhält 3.000 Pfund. Hotels werden übernommen. Zusätzlich werden Schulbusse für behinderte Kinder finanziert und Golfunterricht für 50 Kinder ermöglicht.

Das ist bemerkenswert. Ein einzelner Spieler hat innerhalb weniger Monate gezeigt, was möglich ist, wenn man Behindertengolf nicht als Randthema verkauft, sondern als Zukunftsthema.

Die Botschaft: zeigen, nicht nur sagen

Viele Menschen mit seiner Diagnose können kaum gehen – sie glauben, sie könnten gar nicht Golf spielen. „Und genau deshalb muss man es zeigen.“ sagt er lächelnd.

Golf ist ein Sport, der vielen Menschen mit Behinderung offenstehen könnte. Nicht jeder wird Turniergolf spielen, nicht jeder kann 18 Löcher zu Fuß gehen. Aber Golf kann für viele Menschen mit Behinderung Bewegung, Herausforderung und sozialer Raum zugleich sein.

Popert zeigt, was möglich ist. Jeder perfekte Schlag ist Teil einer Imagekampagne, mächtiger als jede Broschüre.

Wenn ein Junge mit Behinderung Popert in Kitzbühel sieht, sieht er nicht nur einen Mann mit ähnlichen Einschränkungen. Er sieht jemanden, der bei einem DP-World-Tour-Event abschlägt. Er sieht jemanden, der nicht erklärt, warum etwas nicht geht. Sondern jemanden, der zeigt, wie weit man kommen kann.

Keine Angst vor Scheitern

Popert erklärt, er habe keine Angst zu scheitern. Aber auch keine Angst zu gewinnen.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht.

Denn Kitzbühel wird für ihn sportlich eine enorme Aufgabe. Die Plätze sind länger, die Konkurrenz ist stärker, die Fehler werden härter bestraft. Auf der DP World Tour reicht gutes Golf oft nicht. Es braucht exzellentes Golf - für die Besten vier Tage lang. Unter Druck. Dazu kommen Publikum, Kameras und eine Aufmerksamkeit, die er in dieser Form eventuell noch  nie erlebt hat.

Doch Popert kennt Druck. Er hat auf großen Bühnen gespielt, hat Cuts auf der Asian Tour nur knapp verpasst, hat sich durch Playoffs gekämpft, hat nach Operationen gewonnen. Er weiß, dass Elite-Golf nicht für Behinderte gemacht ist. Reisen, Belastung, 25 Turniere im Jahr – all das ist für seinen Körper kaum realistisch.

Aber die Austrian Alpine Open sind keine komplette Saison. Sie sind eine Chance.

Warum diese Geschichte nach Kitzbühel passt

Die Austrian Alpine Open wollen mehr sein als ein weiteres Turnier im Kalender. Kitzbühel steht für Spitzensport. Für Bilder. Für Emotion. Für die Verbindung aus internationalem Wettbewerb und besonderer Bühne. Im Winter auf der Streif, im Sommer jetzt im Golf.

Popert passt genau deshalb zu diesem Ort. Weil seine Geschichte groß ist, aber sein Spiel noch größer sein könnte. Weil er die Aufmerksamkeit nicht durch Betroffenheit verdient, sondern durch Qualität. Weil er beweist, dass Inklusion im Spitzensport nicht heißen muss: Man darf mitmachen. Sondern: Man kann mithalten.

Vielleicht wird Kitzbühel für ihn ein schweres Turnier. Vielleicht fehlt am Ende tatsächlich die Länge. Vielleicht sind die Grüns zu hart, die Par-5-Löcher zu lang, um mit den großen Namen Schritt zu halten.

Aber vielleicht passiert auch etwas anderes.

Vielleicht trifft Popert auch Ende Mai alle Fairways. Vielleicht bleibt er geduldig. Vielleicht locht er die Putts, die er lochen muss. Vielleicht spart er dort Schläge, wo andere ungeduldig werden. Vielleicht wird aus der Wildcard eine Geschichte, die weit über Österreich hinaus erzählt wird.

Nach 18 Trainingslöchern mit ihm ist eines klar: Diese Möglichkeit ist real.

Ein Golfer, der bleiben will

Am Ende dieser Begegnung bleibt nicht der Eindruck eines Mannes, der einmal kurz auf eine große Bühne gestellt werden möchte. Popert will bleiben. Nicht unbedingt jede Woche auf der DP World Tour. Aber im Bewusstsein des Golfsports. Als Spieler. Als Antreiber. Als jemand, der eine Tür öffnet und sie hinter sich nicht wieder zufallen lässt.

Er sagt, wenn sich durch Kitzbühel etwas ändert, wäre das großartig. Wenn nicht, wacht er am nächsten Tag auf und macht weiter.

Das ist vielleicht die ehrlichste Beschreibung seiner Karriere: Kipp Popert macht weiter.

Er hat nach Operationen weitergemacht, nach Schmerzen weitertrainiert und nach Rückschlägen wieder gewonnen.

Und vielleicht erlebt Österreich Ende Mai nicht nur einen besonderen Auftritt eines besonderen Spielers. Vielleicht erlebt Kitzbühel den Moment, in dem ein Golfer mit Behinderung der Golfwelt zeigt, dass er nicht gekommen ist, um Applaus für seinen Mut zu bekommen, sondern weil er mit den Besten mithalten kann.

VIP-Erlebnis bei der AIG Women’s Open

Zum Gewinnspiel