Ätsch Bätsch Lederwedge

Alfred Ruhaltinger

Wer bei einem Golfturnier schummelt, betrügt. Punktum. Wer bei einer Privatrunde nicht nach den Regeln spielt, übt ein hoffentlich lustiges Spiel mit einem Ball und mehreren Schlägern aus, aber er spielt definitiv nicht Golf. Punktum.

Bevor Sie uns jetzt als Moralapostel oder als Spaßbremser abstempeln, rufen wir die Golfregel 1-1 „Das Spiel. Allgemeines“ ins Gedächtnis: „Golf spielen ist, einen Ball mit einem Schläger durch einen Schlag oder aufeinander folgende Schläge in Übereinstimmung mit den Regeln vom Abschlag in das Loch zu spielen.“

Lokalaugenschein. Vor rund zehn Jahren: Viertes Loch im GC Enzesfeld. Zum wiederholten Mal slicet ein Golfspieler seinen Ball in den Wald. Und zum wiederholten Mal sagt er zu seinen Flightpartnern: „Ich fahr mit dem Cart schon mal vor, den finde ich sicher.“ Wie schon auf den Bahnen zuvor passiert, liegt der Ball am Waldrand, jedoch offensichtlich nicht dort, wo er ursprünglich zu liegen kam. Dieser Vorfall hat sich im Beisein des Autors abgespielt und der Golfspieler erhielt eine Platzsperre wegen Verstoßes gegen die Golfregeln, weil die drei Flightpartner die Courage hatten, geschlossen die Vorgänge bei der Wettspielleitung zu melden.

Dieser Vorfall ist leider kein Einzelfall, und wer hatte in seiner Karriere noch keinen (vermeintlichen) Schummler im Flight. Aber viele trauen sich nicht, den Betrüger aufzudecken, oder es ist ihnen einfach zu viel Stress. Einerseits verständlich, doch andererseits verstößt man als Zähler eines Schummlers dann gegen die Golfregeln, wenn man sein Schummeln duldet und wissentlich ein falsches Ergebnis notiert. Konkret gegen die Regel 1-2 „Übereinkunft über Nichtanwendung von Regeln“: Spieler dürfen nicht übereinkommen, die Anwendung irgend-einer Regel auszuschließen oder irgendeine Strafe außer Acht zu lassen. Strafe gegen den Verstoß ist die Disqualifikation beider Parteien im Lochspiel bzw. der beteiligten Bewerber im Zählspiel.

Wir haben einen erfahrenen Referee und einen Golf-affinen Psychologen gefragt, warum Golfer eigentlich schummeln. Beide „Insider“ sind über unterschiedliche Ansätze zu verblüffend übereinstimmenden Ergebnissen gelangt: Die meisten (geahndeten) Schummeleien gibt es bei Jugendlichen, Senioren und auch bei Damen – aber aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Leistungsdruck bei der Jugend

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Hans Kienesberger, ÖGV-Referee

ÖGV-Referee Hans Kienesberger – er ist von der obersten Regelbehörde „Royal and Ancient St. Andrews“ geprüft – könnte darüber ein Buch schreiben, aber anschwärzen ist nicht seine Sache. Er fordert indes mehr Achtsamkeit einerseits und weniger Score-Stress andererseits bei Österreichs Golfern: „Bei den Jugendlichen hat der Leistungsdruck in den letzten Jahren enorm zugenommen. Hier muss ich aber die Youngsters in Schutz nehmen. Dieser Druck geht meistens von den -Eltern aus, die immer glauben, ihr Kind ist der neue Tiger Woods, obwohl das Talent da und dort eher beschränkt ist. Und dann schummeln diese Kinder, um ihre Eltern nicht zu enttäuschen. Das ist fatal.“ Was dabei herauskommt, ist klar: „Die Jugendlichen verkrampfen und verlieren die Lust am Spiel. Ich kann nur an die Eltern appellieren, die Kinder am Golfplatz nicht zu stressen“, ergänzt der erfahrene Referee. Die häufigsten Regelverstöße gibt es hier im nachträglichen Ausbessern der Scorekarte, kurz vor der Abgabe. Dr. Thomas Wörz, renommierter Sportpsychologe und Autor des Bestsellers „Mentales Golf. Das Praxisbuch“, rät gerade im Jugend-Spitzensport zu rigorosem Durchgreifen, weil es Teil der Erziehung, quasi „Spirit of the Game“ ist. „Wird es nicht geahndet, verlieren Jugendliche jeglichen Respekt. Daher plädiere ich gerade im Jugend-Spitzensport für ein hartes Durchgreifen, aber auch für klare Worte mit
den Eltern.“

Die „Handicap-geilen“ Best-Ager

Die Senioren sind auf dem Golfplatz die großen Zocker. Oft geht es nur um ein Schnitzel und ein Bier, aber gezockt wird fast immer. Und das Handicap hat bei dieser Zielgruppe einen enormen Stellenwert. Geht es zu Turnieren, passiert es dann ab und zu, dass der Score nicht immer ganz legal zustande kommt – gerade dann, wenn die Längen bei den Drives nachlassen. „Oft ist es so, dass Senioren noch von Weiß abschlagen, und das ist absolut der falsche Stolz. Und so haben sie meist keine Chance mehr, das Handicap zu erspielen. Besser wäre es, von Gelb oder sogar von Blau zu spielen, dies würde den Senioren guttun, die Handicaps wären leichter zu erspielen und das Schummeln würde deutlich weniger werden“, rät Kienesberger dieser Altersgruppe.

Hier ist vor allem der „Ball aus der Hosentasche“ ein gefragtes falsches Hilfsmittel. Ein verbrieftes Beispiel aus England: Drei Herren spielten in einer Turnierrunde ein Grün an, das man nicht gut einsehen konnte. Beim Grün angelangt, lagen zwei Bälle. Der dritte Spieler ließ nach erfolglosem Suchen einen Ball aus der Hosentasche fallen und rief: „Ich habe ihn gefunden!“ Sein hervorragender Schlag kurz vor die Fahne wurde noch mit großem Beifall seiner Mitspieler bedacht. Doch als einer die Fahne zum Putten aus dem Loch entfernte, gab es die Überraschung: Darin befand sich der (ursprüngliche) Ball des Golfers.

„Gerade ältere Golfer haben sehr oft schon viel erreicht im Leben, sie sind es gewohnt anzuschaffen und können Niederlagen oft nicht gut wegstecken. Das führt dann zu unerlaubtem Handeln“, analysiert Thomas Wörz. „Zusätzlich kommt noch dazu, dass sie mit den Jungen noch mithalten und nicht zum alten Eisen gehören wollen“, so der Psychologe.

Generell ortet Hans Kienesberger die „Handicap-Geilheit“ nur bei uns Mitteleuropäern. „In Großbritannien oder in Nordamerika sieht man das viel gelassener. Da sind sie uns weit voraus!“

Damen sehen es oft lockerer

Laut Erfahrung der Regelrichter nehmen Golf-damen mit höherem Handicap die Regeln oft nicht so genau. „Bei den Damen gibt es zwei Arten von Schummlern. Auf der einen Seite die Unwissenden, die sich nicht mit den Regeln befassen – was aber natürlich auch bei den Herren ab und zu vorkommt. Und dann die Damenrunden, die dreimal in der Woche miteinander spielen und einen übereifrigen Handicap-Ehrgeiz entwickeln“, ist der Referee auch mit den Golf-amazonen nicht immer einverstanden. Auch hier gilt das Motto: Nicht das Handicap ist wichtig, sondern der Spaß am Spiel! „Ein psychologisches Dilemma liegt mancherorts darin, dass einige Damen Probleme damit haben, dass der Gatte ein besseres Handicap hat. Diese Schmach wird oft nicht ertragen. Übrigens: Umgekehrt ist das fast eine Katastrophe!“, schmunzelt Thomas Wörz.

Auch Profis schummeln dann und wann

Der Stempel des „Schummlers“ lastet schwer auf Vijay Singh (Fiji), der bei den Indonesian Open 1985 am zweiten Turniertag bei einem Par 5 zwei Schläge weniger schrieb, als er spielte, um den Cut zu schaffen. Er wurde von der Turnierleitung überführt und daraufhin zwei Jahre gesperrt. Erst 1988 durfte er wieder in die Tour einsteigen und rehabilitierte sich als dreifacher PGA Tour-Jahressieger (2003, 2004, 2008).

Aber auch in Österreich gab es schon Vorfälle von Regelverstößen bei Profis. Namen nennen wir keine, da sich noch einige von ihnen ihre Brötchen mit dem Golfsport verdienen.

Generell muss man klar trennen, ob man bei einem offiziellen Turnier schummelt, sich damit einen Vorteil verschafft und letztendlich die Mitbewerber betrügt, da es einerseits um Preise geht und andererseits um das offizielle persönliche Handicap. Oder ob man die Golfregeln bei einer privaten Runde im Freundeskreis mal etwas lockerer nimmt – solange die Flightpartner das akzeptieren. Dagegen ist in einer Privatrunde ja prinzipiell nichts einzuwenden. Hauptsache, es macht Spaß und wir spielen …, also wir bewegen uns am Golfplatz.

Schummeln ist wie dopen

Thomas Wˆrz,Spezialgebiet Mentale Fitness,28.07.2006

Thomas Wörz. Foto: Franz Neumayr

Aus Sicht des Psychologen Thomas Wörz muss man zwischen Leistungssport und Clubturnier unterscheiden: „Beim Leistungssport bin ich für ein hartes Durchgreifen, damit klar und deutlich vorgelebt wird, dass nur mit Ehrlichkeit gewonnen werden kann. Bei Clubturnieren rate ich den Flightpartnern, die Sache auf jeden Fall anzusprechen, aber beim ersten Mal vielleicht ein wenig mit Humor – zum Beispiel: Spielen wir heute den Schummel-Cup?“

Viele Menschen sind sehr ergebnisorientiert, sie fühlen sich nur dann erfolgreich, wenn sie gewinnen. „Der Schummler ist abhängig von der äußeren Meinung, er leidet oft unter Perfektionismus und akzeptiert sich selbst nur, wenn er gut ist. Schummeln ist wie dopen, mit allen Mitteln erfolgreich sein“, beschreibt Wörz die Beweggründe der Betrüger.

Aber eines ist auch klar. Schnappt ein Spieler, der geschummelt hat, einem Ehrlichen einen Preis weg, dann gehört er an den Pranger, denn schummeln und gewinnen, das geht gar nicht, da sind sich alle einig.

 

Best (=Worst!) of Schummeltricks

* Das „Lederwedge“-Dilemma

Der Spieler findet den Ball im Rough unter einem dicken Grasbüschel. Ein kleiner unauffälliger Tritt mit dem Schuh (Lederwedge) – und schon kann man den Ball ganz leicht spielen. Das von vielen Schummlern als „Kavaliersdelikt“ angesehene Vergehen ist laut dem Deutschen Golfverband( DGV) der häufigste Regelverstoß, da es meist unbemerkt geschieht und schwer nachzuweisen ist.

* Der Scorekarten-Schmäh

Hinterhältig und feig gehen diese -Betrüger erst gar nicht das Risiko des Erwischtwerdens während der Runde ein, sondern ändern die Scores nach dem Unterschreiben auf dem Weg (über die Toilette) zur Wettspielleitung. Das vermeintlich gute Resultat fällt höchstens den Flightpartnern bei der Siegerehrung auf, wenn da plötzlich der Mitspieler als Sieger dasteht. Hier gilt es, Courage zu beweisen und mit der Wettspielleitung die Scorekarte zu überprüfen.

* Der Hosensack-Zauberer

Besonders ärgerlich ist es, wenn man einen Ball „ganz sicher“ an dieser Stelle im Rough oder am Waldrand vermutet – und dieser aber dann nicht gefunden wird. Da fällt im Frust oder aus eiskaltem Kalkül schon mal ein Ball aus dem Hosensack. Um das zu vermeiden: Gehen Sie als Zähler umgehend zum Suchen mit – was Sie auch aus Kollegialität tun sollten, schließlich sind nur fünf Minuten zum Suchen erlaubt.

* Der Freedrop-Schinder

„Mein Ball ist bei einem Loch eines grabenden Tieres, ich mach einen Freedrop.“ Kann sein, aber bitte vor dem Droppen als Zähler selbst überzeugen. Und dann nicht einfach irgendwo droppen, sondern beim „nächstgelegenen Punkt der Erleichterung“. Wie der korrekt festgestellt wird, steht übrigens nicht in den Regeln, sondern in den „Erklärungen“, im Abschnitt 2 jedes Regelbuches. Diese sollte man sich auf jeden Fall zu Gemüte führen – es handelt sich um die Grundbegriffe des Golfsports. Denn schließlich will man ja wissen: Liegt er spielbar neben dem Weg, aber halt nicht so, wie er will?

Dies sind die häufigsten Schummeltricks. Doch eines ist klar: der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

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